Ein Coaching-Prozess erklärt am Fallbeispiel: Kita-Leitung am Limit

Veröffentlicht am 30. September 2026 um 15:07

Wenn die neue Führungsrolle zu viel wird: Ein Coachingfall aus dem Kita-Alltag

Was passiert eigentlich in einem Coaching?

Viele stellen sich vor: Man sitzt sich gegenüber, spricht über ein Problem, und am Ende gibt es hoffentlich einen guten Rat. Professionelles Coaching ist etwas anderes als ein Gespräch mit einer Freundin oder einer Kollegin. Ich gebe keine fertigen Lösungen vor. Ich höre genau hin, stelle gezielte Fragen, schaffe einen geschützten Rahmen und helfe, die eigene Situation aus einer neuen Perspektive zu sehen.

Wie das konkret aussieht, zeige ich an einem anonymisierten Fall aus meiner Arbeit. Namen und Details sind verändert.

Wenn die Rolle plötzlich zu groß wird

Nennen wir unsere Protagonistin Nina. Sie hat kurzfristig die Leitung einer Kita übernommen. Sie freut sich über die Aufgabe, ist lernbereit und will es unbedingt gut machen. Gleichzeitig fühlt sie sich unsicher. Auf die Rolle wurde sie kaum vorbereitet, viele Aufgaben sind ihr neu, und die hausinternen Fortbildungen sind ihr zu allgemein.

Im Alltag gerät sie immer wieder mit Mitarbeiterinnen aneinander und kann nicht genau sagen, woran das liegt. Kritik trifft sie sofort ins Mark. Zweimal hat sie vor dem Team die Geduld verloren, und das war ihr im Nachhinein sehr unangenehm.

Bei unserem ersten Treffen geht es darum herauszufinden, was das Anliegen ist und auf welches Ziel wir gemeinsam hinarbeiten wollen. Ninas Anliegen lautet zunächst: Wie kann ich besser führen? Nach einiger Zeit werden wir herausfinden, dass dahinter eine grundlegendere Frage steckt: Wie kann ich mit mir selbst besser umgehen, damit ich diese Rolle ausfüllen kann?

Coaching beginnt nicht mit einer Methode

Für die zweite Sitzung hatte ich eine Übung mit Wertekarten vorbereitet. Doch als Nina kommt, ist sofort klar: Sie steht unter Spannung. Sie musste vorher noch einiges regeln und ist zehn Minuten zu spät. Ich hätte sagen können: "Wir haben heute aber etwas anderes geplant." Stattdessen sorge ich zuerst dafür, dass sie ankommen kann.

Sie macht sich einen Tee. An die Tür kommt ein Schild "Bitte nicht stören". Die nächsten 90 Minuten gehören ihr. Das ist eine kleine Geste, aber sie verändert viel.

Dann frage ich: "Wie geht es Ihnen gerade?" Und plötzlich ist alles da. Eine Kollegin hat ihre Autorität infrage gestellt. Eltern sind mit ihrem Vorgehen unzufrieden. Sie hat das Gefühl, an allen Fronten gleichzeitig zu kämpfen und mit allem hinterherzuhinken.

Jetzt muss ich mich entscheiden: beim Plan bleiben oder auf das eingehen, was akut im Raum steht? Ich ändere den Ablauf. Wer mit dem Kopf noch bei akuten Sorgen ist, kann sich auf tiefere Fragen nicht einlassen. Wir vereinbaren: 30 Minuten für das Aktuelle, danach 45 Minuten für die Übung.

Der Coach gibt keine Lösung vor

Ich hätte Nina raten können, sich klarer abzugrenzen, Aufgaben besser zu priorisieren oder sich von Kritik nicht so verunsichern zu lassen. Solche Ratschläge verpuffen oft, weil sie von außen kommen. Deshalb stelle ich Fragen:

  • Warum, glauben Sie, hat die Kollegin so reagiert?
  • Was an dem, was sie gesagt hat, könnte berechtigt sein?
  • Was genau stört Sie an ihrem Verhalten?
  • Was passiert in Ihnen, wenn Sie daran denken?

Ziel ist nicht, möglichst schnell eine Antwort zu liefern, sondern dass Nina ihre Situation besser versteht. Nach und nach erkennt sie etwas: Die drei aktuellen Konflikte haben mehr miteinander zu tun, als sie dachte. Es fällt ihr schwer, Grenzen zu erkennen und zu vertreten.

Sie ist hin- und hergerissen. Einerseits will sie sich für alle einsetzen. Andererseits wächst der Ärger, dass ihre Hingabe nicht gesehen wird, und manchmal begegnet man ihr sogar respektlos. Es entsteht ein Kreislauf:

Sie gibt viel → ihre Grenzen werden überschritten → sie fühlt sich nicht gesehen → Ärger wächst → sie reagiert heftig → sie zweifelt an sich selbst.

Dann stellt sie selbst die Frage, die den Rest des Coachings prägt: "Warum lasse ich das eigentlich mit mir machen?"

Was ist mir eigentlich wirklich wichtig?

Jetzt ist der Moment für die vorbereitete Übung. Ich lege viele Wertekarten auf den Tisch, mit Begriffen wie Liebe, Respekt, Gerechtigkeit, Lernbereitschaft oder Kreativität. Nina soll zehn auswählen, die ihr am meisten zusagen.

Das klingt einfach, ist es aber nicht. Plötzlich geht es nicht mehr um die Kita und die aktuellen Konflikte, sondern um sie selbst: Wofür möchte ich stehen? Sie tut sich schwer damit, überhaupt zu sagen, was "Werte" für sie sind. Eine andere Frage hilft: Was möchten Sie am Ende Ihres Lebens über Ihr Leben sagen können? Sie überlegt und sagt dann zögerlich, sie würde gern sagen können, dass sie sich selbst treu geblieben ist und bei anderen Menschen Spuren hinterlassen hat.

Danach arbeiten wir in mehreren Schritten:

  1. Nina wählt zehn Werte, die übrigen Karten kommen vom Tisch.
  2. Sie erklärt jeden Wert mit eigenen Worten. Was bedeutet er für sie, was bedeutet er nicht, wo ist er in ihrem Leben sichtbar, und was könnte sie tun, um ihn zu leben?
  3. Sie reduziert auf fünf Werte und bringt sie in eine Reihenfolge.
  4. Sie begründet, warum sie diese Werte und diese Reihenfolge gewählt hat.

Oft fehlen ihr die Worte. Ich liefere sie nicht, sondern helfe mit weiteren Fragen, ihre eigenen zu finden. Manchmal hilft es schon, Gedanken laut auszusprechen, weil sie sich dabei ordnen.

Am Ende liegen dort Liebe, Respekt, Gerechtigkeit, Lernbereitschaft und Kreativität. Spannend ist aber nicht die Liste, sondern was Nina beim Erklären über sich entdeckt.

Ein Wert wird zum Schlüssel

Gerechtigkeit steht in der Mitte. Nina erzählt von Situationen, in denen sie oder andere Unrecht erlebt haben, und wie sehr sie das bewegt. Dabei fällt etwas auf: Für andere ergreift sie mit großer Kraft Partei. Für sich selbst fällt ihr das schwer.

Die beiden Werte, die ihr am wichtigsten sind, Liebe und Respekt, kommen im Alltag zu kurz. Dann kommt das Gefühl, zu scheitern und Liebe und Respekt nicht wert zu sein. Lernbereitschaft und Kreativität lebt sie dagegen längst. Sie liest viel, gestaltet ihre Wohnung und ihren Arbeitsplatz und probiert gern verschiedene Zeichentechniken aus.

Damit bekommt ihr ursprüngliches Problem ein anderes Gesicht. Vielleicht geht es gar nicht darum, dass sie "nicht durchsetzungsfähig genug" ist. Vielleicht behandelt sie sich selbst nicht so respektvoll und gerecht, wie sie andere behandeln möchte. Aus der Frage "Wie werde ich härter?" wird die Frage "Wie kann ich mir selbst gegenüber gerecht sein?"

Das ist noch keine Lösung, aber eine neue Perspektive. Solche Perspektivwechsel sind es, die im Coaching etwas bewegen.

Von der Einsicht zum Handeln

Erkenntnisse allein verändern noch nichts. Deshalb überlegen wir gemeinsam, was Nina in der nächsten schwierigen Situation ganz konkret tun kann:

  • Abstand nehmen und ein paar Mal tief durchatmen.
  • Nicht sofort rechtfertigen, sondern nachfragen: "Was genau meinst du damit?" So muss sie nicht gleich reagieren, sondern darf erst verstehen, was die andere Person meint.
  • Bei Bedarf einen Termin für ein klärendes Gespräch vereinbaren.
  • Bei respektlosem Verhalten klar sagen, dass sie diesen Umgang nicht möchte, das Gespräch für jetzt beenden und zu einem späteren Termin einladen.

Zusätzlich nimmt sie sich vor, ihre fünf Werte zu fotografieren und so zu platzieren, dass sie sie mehrmals täglich sieht, als Bildschirmhintergrund oder als selbst gestaltetes Bild. Ob ein kleines Tagebuch zur Reflexion helfen könnte, will sie sich überlegen.

Ein Blick zurück

Am Ende der Sitzung frage ich, wie es ihr geht. Die Werteübung war anfangs mühsam, weil Nina nichts Falsches sagen wollte und die Worte suchen musste. Am Ende war sie sehr aufschlussreich. Besonders geholfen haben ihr die praktischen Schritte, denn sie geben ihr das Gefühl, der nächsten schwierigen Situation nicht mehr ausgeliefert zu sein.

Zum Schluss sage ich ihr, dass ich ihre Offenheit und ihre Bereitschaft, an sich zu arbeiten, bemerkenswert finde.

Coaching ist kein Reparaturbetrieb

Nina musste nicht repariert werden, und sie hat auch keinen perfekten Führungsstil vermittelt bekommen. Sie hat einen Raum bekommen, in dem sie sich sortieren, sich besser verstehen und eigene Handlungsmöglichkeiten entwickeln konnte.

Wie ein Coaching insgesamt abläuft und woraus eine einzelne Sitzung besteht, erkläre ich im nächsten Beitrag: Wie läuft ein Coaching ab?

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